Bei den Vorfahrtsregeln auf See gibt es kein Rechts vor Links
Der eine Skipper hält stur seinen Kurs, der andere weicht im letzten Moment nach Steuerbord aus — und genau diese Rollenverteilung, nicht ein imaginäres Rechts-vor-Links, ist der Kern jeder Vorfahrtsregeln-Frage in der Theorieprüfung zum SBF See und den KVR, den Kollisionsverhütungsregeln. Ein Anwärter auf den Sportbootführerschein See, der nur die Straße kennt, sucht hier reflexhaft nach einem Schild oder einer festen Ampellogik. Es gibt keins. Was zählt, sind zwei Rollen: der Kurshalter, der Kurs und Fahrt beibehalten muss, damit die Situation berechenbar bleibt, und der Ausweichpflichtige, der frühzeitig, deutlich und rechtzeitig reagiert.
Live erlebt habe ich das zum ersten Mal vor der Ostseeküste bei Eckernförde, als mein Schwager Götz mich kurz ans Ruder gelassen hat und ein Segelboot unseren Kurs kreuzte. Er blieb völlig gelassen, ich wollte reflexartig nach Steuerbord ziehen — dabei war in dem Moment gar nicht ich der Ausweichpflichtige, sondern er musste seinen Kurs halten und mir die Berechnung überlassen.
Genau dieses Prinzip ist das Fundament der gesamten KVR: Nur einer von beiden darf sich bewegen, der andere muss vorhersehbar bleiben. Bevor ich mich überhaupt an dieses Thema herangewagt habe, hing bei mir wochenlang eine ausgedruckte Seezeichen-Tabelle an der Kühlschranktür — geholfen hat sie mir kaum, weil ich beim Kaffeeholen nie wirklich hingeschaut habe. Bei der Vorfahrt half am Ende nur, die Situation laut auszusprechen: Wer muss hier vorhersehbar bleiben, und wer muss reagieren?
Die Rangfolge der Fahrzeugarten
Auf See bestimmt nicht der stärkere Motor die Vorfahrt, sondern die Frage, wer am wenigsten Möglichkeiten hat, auszuweichen. Muskelkraft-getriebene Boote stehen ganz oben in der Rangfolge, Segelboote darunter, Motorboote darunter. Fischer bei der Arbeit und Fahrzeuge, die als manövrierbehindert gelten — etwa weil sie gerade baggern, Kabel verlegen oder schlicht keinen Antrieb mehr haben —, stehen über allen anderen, weil sie sich aus einer Gefahrensituation kaum von selbst befreien können.
Welche Farbe und Form ein Seezeichen hat, verrät zwar, auf welcher Fahrwasserseite ich gerade unterwegs bin, hat mit der Vorfahrt selbst aber nichts zu tun — das ist ein eigenes Kapitel für sich. Ob man sich diese Rangfolge zuerst für See oder für Binnengewässer aneignet, ist wiederum eine ganz andere Entscheidung, die mit der KVR-Logik selbst nichts zu tun hat.
Wer weicht beim Überholen aus?
Sobald ich von hinten komme — definiert als mehr als 22,5 Grad hinter der Querlinie des anderen Bootes —, bin ich automatisch der Überholer, ganz gleich ob ich unter Segeln oder Motor fahre. Regel 13 kennt hier keine Ausnahme: Wer schneller sein will als das Boot vor ihm, muss auch die Arbeit des Ausweichens übernehmen. Auf meinem Schreibtisch habe ich das mit zwei Kaffeetassen nachgestellt, bevor mir aufgefallen ist, dass ich Backbord und Steuerbord noch munter verwechsle wie andere Leute links und rechts beim Rückwärtseinparken.
Was passiert, wenn sich zwei Kurse kreuzen?
Zwei Motorboote auf direktem Kollisionskurs müssen beide nach Steuerbord ausweichen, ganz unabhängig davon, wer zuerst da war. Kreuzen sich die Kurse dagegen schräg, gilt Regel 15: Ausweichen muss, wer das andere Boot an seiner eigenen Steuerbordseite sieht. Sehe ich das andere Boot links von mir, darf ich meinen Kurs halten; sehe ich es rechts, muss ich reagieren. Ohne sicheres Steuerbord-Backbord-Wissen aus der Lichterführung SBF See lässt sich diese Regel in der Prüfung übrigens gar nicht anwenden, weil man sonst schlicht nicht weiß, auf welcher Seite man das andere Boot überhaupt sieht.
Dass ein einzelner kurzer Ton auf See so viel bedeutet wie 'Ich gehe nach Steuerbord', gehört zu den Schallsignalen auf See, die die Vorfahrtsentscheidung nur akustisch begleiten, sie aber nicht ersetzen. Neulich hat mich Götz am Telefon mit genau so einer Kreuzungsfrage überrascht — und ich hatte die Antwort raus, noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte.
In engen Fahrwassern kippt die KVR-Logik
In einem schmalen Fahrwasser bringt mir die reine KVR-Rangfolge wenig, wenn ein großes Schiff dort gar nicht ausweichen kann, ohne auf Grund zu laufen. Meine Faustregel dafür: Kann das größere Fahrzeug den Fahrwasserverlauf technisch nicht verlassen, weiche ich unabhängig davon aus, wer nach KVR eigentlich im Recht wäre. Das steht so nicht wortwörtlich in den Prüfungsfragen, hilft mir persönlich aber, gefährliche Situationen von reinen Theorie-Situationen zu unterscheiden.
Wer die Kreuzungswinkel lieber zeichnerisch nachvollzieht als im Kopf, landet ohnehin früher oder später bei der Kursdreieck-Methode aus den Navigationsaufgaben — für die Vorfahrt selbst braucht man sie nicht, fürs Verständnis der Geometrie dahinter schon. Wie sich das Pauken all dieser Regeln überhaupt neben einem Vollzeitjob unterbringen lässt, ist wiederum ein eigenes Thema, das mit der KVR-Logik nichts zu tun hat.
Meine Faustregel für die Theorieprüfung
Vor jeder Vorfahrtsregeln-Frage in der Theorieprüfung gehe ich inzwischen dieselbe Reihenfolge durch: Bin ich im Fahrwasser, und folgt das andere Fahrzeug ebenfalls dem Fahrwasserverlauf? Wer ist mein Gegenüber — ein Fischer bei der Arbeit, ein Segler, ein großes manövrierbehindertes Schiff? Überhole ich gerade, dann bin ich ohnehin ausweichpflichtig. Und falls es Nacht ist: Welche Farbe hat das Licht, das ich sehe — Rot für die Backbordseite des anderen, Grün für seine Steuerbordseite?
Im Kursforum hat neulich Wilfried Kupfer, der ein paar Wochen weiter ist als ich, offen geschrieben, wie er genau bei so einer Kreuzungssituation zweimal falsch lag, bevor der Groschen fiel — allein das nimmt einem als Neuling schon einiges an Druck. Was zu tun ist, wenn trotz aller Vorfahrtslogik jemand über Bord geht, gehört ohnehin zu einem ganz eigenen Manöver der praktischen Prüfung und hat mit den Ausweichregeln selbst nichts mehr zu tun. Wer diese Kreuzungssituationen lieber am Bildschirm durchspielt als mit Kaffeetassen auf dem Schreibtisch, findet mehr dazu in meinem Überblick über die beste SBF See App zum Lernen.
Auf meinem Schreibtisch, direkt neben den beiden Monitoren, liegt inzwischen dauerhaft ein aufgeschlagener Seekartenausschnitt — ein stilles Gegengewicht zum Bildschirmalltag, an dem ich mir die Kreuzungswinkel notfalls noch einmal nachzeichne. Ich bin kein Segellehrer und habe keine nautische Ausbildung; was hier steht, ist mein Verständnis der Regeln als Anfänger, nicht mehr und nicht weniger. Verbindlich sind am Ende ohnehin nur die offiziellen Quellen und die jeweilige Bootsschule vor Ort.