
KW 10: Wenn die Logik über Bord geht
Da sitze ich nun in meiner Kölner Wohnung, die Füße auf dem Couchtisch, und starre auf ein Display voller roter und grüner Punkte. Es ist weit nach Mitternacht. Die trockene Hitze des Laptops auf meinen Oberschenkeln erinnert mich daran, dass ich eigentlich schon längst im Bett sein sollte, während das blaue Licht des Bildschirms in meiner Brille reflektiert und die Dunkelheit des Wohnzimmers fast schon surreal wirken lässt. Ich bin Softwareentwickler. Mein Leben besteht aus Wenn-Dann-Logik. Aber was mir die App für den Sportbootführerschein See gerade als 'einfache Vorfahrtsregeln' verkaufen will, fühlt sich an wie ein Code, der einfach nicht kompilieren will.
Alles fing Anfang März 2026 an, als mein Schwager mich auf der Ostsee kurz ans Ruder ließ. 'Ist wie Autofahren, nur ohne Spuren', sagte er. Spoiler: Er hat gelogen. Beim Autofahren gibt es Ampeln, Schilder und ein wunderbares 'Rechts vor Links'. Auf dem Wasser gibt es die KVR – die Kollisionsverhütungsregeln. Und die sind für einen Schreibtischtäter wie mich am Anfang so intuitiv wie eine Tastatur ohne Beschriftung.
In den ersten Wochen dachte ich noch, ich könnte das Thema einfach mit meinem Informatiker-Gehirn erschlagen. Ich habe mir den Fragenkatalog angeschaut: 285 Fragen insgesamt für den SBF See. Ein Klacks, dachte ich. Bis ich bei den Vorfahrtsregeln ankam. Warum darf der Segler da jetzt durch? Und warum muss ich als Motorbootfahrer eigentlich immer allen ausweichen? In meinem Blog-Beitrag Vom Code zum Kurs habe ich ja schon beschrieben, warum ich mir das überhaupt antue, aber heute geht es ans Eingemachte: Die heilige Dreifaltigkeit der KVR-Regeln 13, 14 und 15.
KW 14: Die Erkenntnis – Rechts vor Links existiert nicht
Nach etwa vier Wochen im Online-Kurs kam der erste große Frustmoment. Ich habe versucht, das nautische Regelwerk in If-Else-Statements zu pressen. Mein erster Fehler: Zu glauben, dass es auf See eine 'Vorfahrt' gibt. In der Seefahrt spricht man von 'Kurshalter' und 'Ausweichpflichtiger'. Das klingt nicht nur förmlicher, es ändert auch die gesamte Dynamik. Wer Kurshalter ist, darf nicht einfach stur weiterbrettern, er muss seinen Kurs halten, damit der andere berechnen kann, wie er ausweicht.
Ich saß also da und klickte mich durch die Übungsfragen. 'Sie sehen ein weißes Licht direkt voraus...' – Klatsch, falsch. Ich hatte fest auf Steuerbord getippt, nur um festzustellen, dass ich gerade das Hecklicht eines anderen Bootes anschaue und nicht den Bug. Dieser Moment, wenn man merkt, dass man die Situation komplett falsch interpretiert hat, fühlt sich an wie ein Bug, den man erst nach drei Stunden Debugging findet.
Hier ist das, was ich diese Woche tatsächlich gelernt habe (und was ich jedem Anfänger ans Herz lege):
- Es gibt kein generelles Rechts-vor-Links.
- Die Art des Antriebs (Muskel, Segel, Motor) bestimmt die Hierarchie.
- Manövrierbehinderte Fahrzeuge (die großen Pötte) haben fast immer Vorrang vor uns kleinen Freizeitkapitänen.
Regel 13: Der Überholer ist immer der Dumme
Eines Abends Ende April stieß ich auf die KVR Regel 13. Sie ist eigentlich die einfachste, aber für mein Ego als Kölner Autofahrer die schwerste. Regel 13 besagt: Wer überholt, muss ausweichen. Immer. Ohne Ausnahme. Selbst wenn ich unter Segeln ein Motorboot überhole (was theoretisch möglich ist, wenn der Motorbootfahrer gerade ein Nickerchen macht), bin ich ausweichpflichtig.
In der Prüfungswelt des SBF See ist das ein absoluter Ankerpunkt. Sobald du von hinten kommst (mehr als 22,5 Grad hinter der Querlinie), bist du der Überholer. Punkt. Keine Diskussion. Ich habe das für mich als 'Rule of Humble' abgespeichert: Wer schneller sein will, muss die Arbeit machen.
KW 17: Die 'Stapler-Simulation' auf dem Schreibtisch
Um die Regeln 14 und 15 zu verstehen, musste mein Schreibtisch herhalten. Während meine Kollegen in Zoom-Calls über Sprints und Backlogs redeten, schob ich in der Mittagspause zwei Kaffeetassen und einen Tacker über die Tischplatte.
Regel 14: Entgegengesetzte Kurse. Wenn zwei Motorboote direkt aufeinander zusteuern (Head-on), müssen beide nach Steuerbord ausweichen. Das ist wie auf dem Gehweg, wenn man versucht, jemandem auszuweichen und beide immer in die gleiche Richtung zappeln – nur dass die KVR hier klar sagt: Jeder nach rechts.
Regel 15: Kreuzende Kurse. Hier kommt das, was am ehesten an 'Rechts vor Links' erinnert. Wenn sich die Wege zweier Motorboote kreuzen, muss derjenige ausweichen, der den anderen an seiner Steuerbordseite (rechts) hat.
Was ich mir nochmal anschauen muss: Die Lichterführung bei Nacht. Wenn ich nur ein grünes Licht sehe, weiß ich, dass das andere Boot von links nach rechts an mir vorbeifährt und ich (da ich sein grünes Licht sehe) Vorrang habe – theoretisch. In der Praxis der SBF-Fragen verwechsele ich aber immer noch das Hecklicht mit dem Topplicht, wenn es um die Distanz geht. Mein Gehirn weigert sich standhaft, 2D-Punkte auf dem Schirm in einen 3D-Raum zu übersetzen.
Ich habe in meinem SBF See Online Kurs Erfahrungsbericht schon erwähnt, dass das Lernen nach Feierabend zäh sein kann. Besonders wenn man versucht, den Unterschied zwischen einem 'manövrierunfähigen' und einem 'manövrierbehinderten' Fahrzeug zu verstehen. Kleiner Tipp: Der eine kann nicht, der andere darf nicht (wegen seiner Arbeit, z.B. Baggern).
KW 19: Theorie vs. Realität – Der Blick über den Tellerrand
Mitte Mai, kurz vor den ersten praktischen Fahrstunden, dämmerte mir etwas. Ich habe die 285 Fragen fast im Schlaf drauf, aber mein Schwager lachte nur, als ich ihm stolz von Regel 15 erzählte. 'In einem engen Fahrwasser wie der Unterelbe oder in den Zufahrten der Ostseehäfen kannst du deine KVR-Regeln oft vergessen', sagte er trocken.
Das ist mein heutiger 'Contrarian Angle': Die strikte Anwendung der KVR-Ausweichregeln führt in engen Fahrwassern oft zu gefährlichen Missverständnissen. Wenn ein riesiger Containerfrachter im Fahrwasser kommt, ist es völlig egal, ob du von rechts kommst oder unter Segeln bist. Er kann nicht ausweichen, ohne auf Grund zu laufen. In der nautischen Praxis schlägt die gegenseitige Rücksichtnahme und das klare Befolgen des Fahrwasserverlaufs oft die starre Theorie.
Das steht so natürlich nicht in den Prüfungsfragen, aber es hilft mir, den Stress zu reduzieren. Die Prüfung will sehen, dass ich die Logik verstanden habe. Das Meer will sehen, dass ich meinen gesunden Menschenverstand benutze.
Meine Checkliste für die Prüfungsfragen zu den Vorfahrtsregeln:
- Bin ich im Fahrwasser? Wenn ja, gelten oft andere Regeln (SeeSchStrO statt KVR).
- Wer ist mein Gegenüber? Ein Fischer bei der Arbeit? Ein Segler? Ein Dickschiff?
- Überhole ich? Dann bin ich immer dran mit Ausweichen.
- Ist es Nacht? Welche Lichter sehe ich? (Rot = Stopp, Grün = Gehen... okay, so einfach ist es nicht, aber als Eselsbrücke für den Anfang okay).
Ich bin kein Segellehrer und habe keine nautische Ausbildung – ich bin nur ein Typ aus Köln, dessen Knoten Nummer drei immer noch aussieht wie ein verfilztes Kopfhörerkabel. Aber diese Vorfahrtsregeln sind am Ende auch nur ein Algorithmus. Man muss nur die Variablen richtig sortieren. Wer die Kosten für den ganzen Spaß im Blick behalten will, kann übrigens mal in meinen Artikel zum Thema SBF Kosten im Selbststudium reinschauen.
Nächste Woche geht es um die Schifffahrtszeichen. Ich habe gehört, da gibt es Tonnen, die wie bunte Eistüten aussehen. Ich bin gespannt, wie mein Software-Hirn das wieder fehlinterpretiert. Ich werde wahrscheinlich versuchen, sie nach Farbcodes zu sortieren, nur um dann festzustellen, dass die Form viel wichtiger ist. Bis dahin: Immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel (oder zumindest genug Kaffee in der Tasse, um die Theorie-Lektion 4 zu überleben).
Hinweis: Ich bin kein Profi. Wenn du wirklich segeln lernen willst, geh zu einer vernünftigen Segelschule. Dieser Blog ist nur mein persönliches Tagebuch eines blutigen Anfängers. Konsultiere bei Fragen immer die offiziellen Quellen wie ELWIS oder das BSH.