
Es ist weit nach Feierabend in Köln, draußen summt der Verkehr auf dem Ring, und ich starre auf eine leere Seekarte. Mein Gehirn, das normalerweise in logischen Code-Strukturen denkt, weigert sich beharrlich zu akzeptieren, dass ich jetzt mit einem Kursdreieck aus Plastik und einem Bleistift hantieren soll. Ich bin 33, Softwareentwickler und besitze offiziell zwei linke Hände, wenn es um alles geht, was nicht auf einer Tastatur stattfindet. Doch seit diesem Wochenende an der Ostsee Anfang 2026, als mein Schwager mich auf seinen Törn mitnahm und ich zum ersten Mal diese Freiheit auf dem Wasser spürte, lässt mich die Idee nicht mehr los: Ich will selbst am Steuer stehen.
KW 12: Der Schock der Zahlen – Theorie-Lektion 1
Ich habe mich im März 2026 für einen Online-Kurs angemeldet. Mein Ziel: SBF See und Binnen gleichzeitig. Klingt effizient, sieht auf dem Papier aber erst mal nach einem Berg aus Arbeit aus. Wenn man sich den Fragenkatalog ansieht, erschlägt es einen fast. Für den SBF See gibt es insgesamt 285 Fragen, für den SBF Binnen (Motor) sind es 253. Das sind über 500 Fragen, die man theoretisch beherrschen muss.
Aber hier kommt der erste Lichtblick für alle, die wie ich wenig Zeit nach der Arbeit haben: Es gibt eine enorme Schnittmenge. Ganze 72 Basisfragen sind in beiden Prüfungen identisch. Wenn man die See-Prüfung zuerst macht (oder beide gleichzeitig), muss man diese 72 Fragen für den Binnen-Teil nicht noch einmal lernen. Mein Plan war also schnell gefasst: Erst die Basisfragen wegatmen, dann den spezifischen See-Teil und zum Schluss die Binnen-Besonderheiten.
KW 14: Die Taktik der kleinen Tickets
Als Entwickler arbeite ich mit Sprints und Tickets. Warum also nicht auch den SBF so angehen? Ich habe mir den Stoff in mundgerechte Stücke unterteilt. Unter der Woche, nach acht Stunden Bildschirmzeit, schaffe ich keine drei Stunden Navigation. Aber 20 Minuten App-Training in der Bahn oder kurz vor dem Schlafen gehen immer.
Was ich diese Woche tatsächlich gelernt habe: Die Lichterführung. Wer darf wann wo fahren? Was bedeutet ein rotes Licht über einem grünen? (Spoiler: Ein Segelfahrzeug unter Segeln). Was ich nochmal anschauen muss: Die Ausweichregeln bei Nacht. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich versuchen, eine neue Programmiersprache zu lernen, nur dass die Syntax aus bunten Glühbirnen besteht. Ich bin kein Segellehrer und habe keinen nautischen Background, daher ist mein Ansatz rein pragmatisch: Muster erkennen, auswendig lernen, verstehen, wenn die Logik greift.
KW 20: Die Navigations-Krise am Küchentisch
Mitte Mai, ein verregneter Sonntag. Während Köln im Grau versinkt, kämpfe ich mit der Übungskarte D 49. Das Kratzen des Bleistifts auf dem dicken Papier der Karte ist das einzige Geräusch im Raum. Ich soll einen Kurs absetzen, die Missweisung berücksichtigen und die Ablenkung des Kompasses einrechnen.
Ich kann tausend Zeilen Code debuggen, doch ich bin momentan an der einfachen Berechnung der magnetischen Deklination gescheitert. Mein innerer Monolog war wenig schmeichelhaft: "Du entwickelst komplexe Algorithmen, aber schaffst es nicht, 3 Grad West von einem Kartenkurs abzuziehen?" Die Navigation beim SBF See umfasst 15 mögliche Aufgaben. In der Prüfung wird genau eine davon drankommen, und man hat für den gesamten Theorie-Teil 60 Minuten Zeit. Das klingt viel, aber wenn man sich mit dem Zirkel versticht, rennt die Uhr. Ich habe gelernt, dass Präzision hier alles ist. Ein Millimeter auf der Karte sind in der Realität hunderte Meter.
Für die Kartenarbeit braucht man unbedingt ein ordentliches Navigationsset. Ich hatte anfangs versucht, mit einem alten Geodreieck aus der Schulzeit zu arbeiten – totaler Quatsch. Man braucht ein echtes Anlegedreieck und ein Kursdreieck. Wer sich fragt, was man wirklich braucht, sollte sich meinen Erfahrungsbericht zum SBF See Navigationsset für Anfänger ansehen. Das erspart den Frust, den ich an diesem Sonntag hatte.
KW 27: Die Logik der Knoten (Tag 30 meines Trainings)
Knoten sind für jemanden mit zwei linken Händen der Endgegner. Mein erster Palstek sah eher aus wie ein verfilztes Kopfhörerkabel in meiner Laptoptasche als wie eine rettende Schlaufe. Aber hier ist mein Geheimtipp, der mir massiv Zeit gespart hat: Höre auf, stur alle 15 Knoten einzeln auswendig zu lernen.
Stattdessen habe ich angefangen, die logische Systematik hinter den Knotengruppen zu verstehen. Es gibt Knoten zum Festmachen (wie den Webeleinstek oder den Kreuzknoten), Knoten zum Verbinden von Leinen und solche, die eine feste Schlaufe bilden. Wenn man versteht, *warum* ein Knoten so hält, wie er hält, muss man sich nicht mehr an abstrakte Bilder erinnern. Der Palstek ist im Grunde nur eine logische Schlinge, die sich unter Zug selbst festklemmt. Nachdem ich das kapiert hatte, lief es fast wie von selbst. Ich habe mir ein Stück Leine neben die Tastatur gelegt und in jedem Build-Vorgang oder während langer Meetings unter dem Schreibtisch blind geknotet.
Anfang Juli: Endspurt und Realitätscheck
Drei Wochen vor der Prüfung. Der Lernplan steht, die App zeigt bei den Probeprüfungen meistens Grün. Trotzdem bleibt das Gefühl: Reicht das? Ich bin kein Seemann, ich bin ein Typ aus Köln, der gerne mal auf dem Wasser wäre. In dieser Phase habe ich angefangen, die Theorie mit der Praxis zu verknüpfen. Wenn ich am Rhein spazieren gehe, schaue ich mir die Tonnen an. Ist das eine Fahrwassermarkierung? Wo ist die Hauptschifffahrt?
Was ich diese Woche gelernt habe: Die Prüfungssituation zu simulieren. 60 Minuten Timer stellen, keinen PC, nur Papier, Dreiecke und Zirkel. Was ich nochmal anschauen muss: Die spezifischen Binnen-Fragen zu den Schallzeichen. Da verwechsle ich immer noch "Ich richte meinen Kurs nach Backbord" mit "Meine Maschine geht rückwärts". Ein kurzer Ton, drei kurze Töne – es ist wie Morsecode für Anfänger.
Ich habe mir auch überlegt, ob ich direkt noch mehr Scheine dranhängen soll. Ein Bekannter fragte mich neulich, ob der SRC Funkschein zusammen mit dem SBF See Sinn macht. Ehrlich gesagt: Für den Anfang reicht mir der SBF erst mal völlig, man muss den Berg ja nicht an einem Tag erklimmen. Aber wer später chartern will, kommt um Funk kaum herum.
Fazit: Vom Code zur Karte
Der Weg zum SBF See und Binnen ist kein Sprint, sondern ein strukturierter Prozess. Man muss kein geborener Skipper sein, um das zu schaffen. Struktur ist alles – genau wie beim Programmieren. Wenn man die 500+ Fragen in kleine Sprints unterteilt und die Logik hinter der Navigation und den Seemannsknoten sucht, verliert der Stoff seinen Schrecken.
Ich bin kein Profi und habe keine Verbindung zu einem Verband. Ich bin nur jemand, der nach der Arbeit die Tastatur gegen den Zirkel tauscht. Wenn ich das hinkriege, kriegt das jeder hin. Wichtig ist nur: Dranbleiben, auch wenn die Missweisung einen mal kurz in den Wahnsinn treibt. Und ganz wichtig: Ich bin kein Ausbilder. Dieser Bericht spiegelt nur meine private Erfahrung wider. Für die echte Vorbereitung solltet ihr euch immer an eine zertifizierte Segelschule wenden oder die offiziellen Unterlagen von ELWIS nutzen.
Nächste Woche geht es an die praktischen Manöver. Da werde ich dann wahrscheinlich zum ersten Mal feststellen, dass ein Boot keine Bremse hat wie mein Auto in der Kölner Innenstadt. Das wird ein Spaß.