
Es ist kurz nach Mitternacht in Köln, und ich starre auf meinen Monitor. Was dort flimmert, sieht weniger nach einer Schifffahrtsstraße auf der Ostsee aus, sondern eher wie ein kaputtes Tetris-Spiel aus den 90ern. Rote Punkte, grüne Punkte, weiße Punkte in Formationen, die mir im Moment absolut gar nichts sagen. Ich bin jetzt seit ein paar Wochen dabei, mich durch den Online-Kurs für den SBF See zu beißen, und die Lichterführung ist der Punkt, an dem mein Gehirn als Softwareentwickler zum ersten Mal einen kompletten Stack Overflow meldet.
Eigentlich fing alles so friedlich an. Anfang 2026 hat mich mein Schwager für ein Wochenende mit auf die Ostsee genommen. Der Wind, das Wasser, das Gefühl, den Kurs selbst zu bestimmen – das hat bei mir eine Sicherung durchbrennen lassen. Seitdem bin ich besessen von der Idee, irgendwann selbst am Steuer zu stehen. Aber bevor ich den Rhein oder die Ostsee unsicher machen darf, muss ich verstehen, warum ein Schiff nachts aussieht wie ein schwimmender Weihnachtsbaum.
KW 10: Der Schock der bunten Punkte
In meiner ersten richtigen Lernwoche im März 2026 saß ich vor den Lektionen zur Lichterführung und dachte: Das schaffe ich nie. Als jemand, der beruflich mit logischen Abfolgen zu tun hat, suchte ich nach dem Masterplan hinter den Kollisionsverhütungsregeln (KVR). Die Realität? Ein Wirrwarr aus Winkeln und Farben. In der Theorieprüfung zum SBF See muss man etwa 80 Prozent der Fragen richtig beantworten, um zu bestehen – und bei der Lichterführung darf man sich kaum Patzer erlauben, weil sie die Basis für die Ausweichregeln ist.
Mein erster Impuls war, alles stumpf auswendig zu lernen. Aber nach drei Stunden, in denen ich digitale Karteikarten starrte, passierte es: Dieses trockene, kratzige Gefühl in den Augen, das ich sonst nur nach 12-Stunden-Coding-Sessions kenne, stellte sich ein. Die Schreibtischlampe flackerte, und ich fragte mich ernsthaft, ob ich nicht lieber beim Programmieren bleiben sollte. Knoten Nummer drei sah zu diesem Zeitpunkt auch eher aus wie ein verfilztes Kopfhörerkabel in meiner Hosentasche als wie ein Palstek.
Die Basis-Logik: Rot, Grün und die magischen 112,5 Grad
Irgendwann an einem regnerischen Sonntagnachmittag im April machte es Klick. Ich hörte auf, die Lichter als statische Bilder zu sehen, und fing an, sie als Vektoren zu begreifen. Das ist der Moment, in dem man als Anfänger verstehen muss, dass jedes Licht eine Bedeutung für die Richtung hat. Die Seitenlichter (Backbord rot, Steuerbord grün) decken jeweils einen Sektor von genau 112,5 Grad ab. Warum so eine krumme Zahl? Weil es 10 Strich sind, wobei ein Strich 11,25 Grad entspricht. Das Licht strahlt von recht voraus bis 22,5 Grad hinterlicher als querab.
Hier halfen mir die klassischen Eselsbrücken, die jeder Skipper nutzt, aber die für mich als Landratte erst einmal einsinken mussten:
- Backbord ist Rot: Denkt an einen roten Portwein (Port = Backbord).
- Steuerbord ist Grün: Das Steuerbord-Wort ist kürzer als Backbord (im Englischen 'Starboard' vs 'Port'), aber im Deutschen hilft mir das Bild vom 'grünen Steuer'.
- Die Position: Rot ist links (Backbord), Grün ist rechts (Steuerbord). In Köln sagen wir: Wenn du auf den Dom schaust und die rote Ampel links ist, stehst du richtig. Oder so ähnlich.
Das Hecklicht wiederum ist weiß und hat einen Winkel von 135 Grad. Zusammen mit den beiden Seitenlichtern (112,5° + 112,5° + 135°) ergibt das genau 360 Grad. Wenn ich also nur ein weißes Licht sehe, sehe ich entweder das Heck eines Schiffes, das von mir wegfährt, oder ein kleines Fahrzeug unter 7 Metern. Das Dampferlicht (Topplicht) strahlt dagegen nach vorne über einen Bogen von 225 Grad – also genau die beiden Seitenlicht-Sektoren kombiniert.
KW 14: Wenn Schiffe zu Weihnachtsbäumen werden
Ende April kamen die Sonderzeichen dran. Ein Schiff, das manövrierbehindert ist (weil es zum Beispiel Kabel verlegt oder taucht), zeigt vertikal Rot-Weiß-Rot. Mein Gehirn speicherte das sofort als 'Erdbeere-Sahne-Erdbeere' ab. Ein manövrierunfähiges Schiff zeigt zwei rote Lichter übereinander ('Rote Augen' – das Schiff ist 'müde' oder 'krank').
Einmal passierte mir in der Übungs-App ein klassischer Fehler: Ich identifizierte ein Fahrzeug absolut selbstsicher als einfaches Motorboot unter 20 Metern, nur weil ich das Topplicht und die Seitenlichter sah. Dass da noch ein winziges gelbes Funkeln über dem Hecklicht war – das Schlepper-Licht –, hatte ich komplett übersehen. In der Simulation wäre ich wohl direkt in die Schleppleine gerauscht. Solche Momente erden einen ungemein. Ich bin eben kein geborener Seemann, sondern ein Schreibtischtäter, der gerade erst lernt, die Welt in Sektoren zu unterteilen.
Um diese Fehler unter Stress zu vermeiden, habe ich meine Strategie geändert. Anstatt auswendig zu lernen, welche Farbe oben und welche unten ist, frage ich mich immer zuerst: In welche Richtung bewegt sich das Ding? Wenn ich Rot und Grün gleichzeitig sehe, kommt es direkt auf mich zu. Sehe ich nur Grün, zeigt es mir seine rechte Seite und fährt von links nach rechts an mir vorbei. Diese logische Bewegungsrichtung ist viel wichtiger als jede auswendig gelernte Eselsbrücke, denn sie sagt mir sofort, ob ich ausweichen muss oder nicht. Wer mehr über die Vorfahrt wissen will, sollte sich auch mal die Vorfahrtsregeln auf See einfach erklärt für SBF Prüfungsfragen Einsteiger ansehen, das baut direkt darauf auf.
KW 20: Der Durchbruch am Küchentisch
Mitte Mai saß ich wieder an meinem Küchentisch. Keine Code-Reviews, keine Jira-Tickets, nur ich und die Lichterführung. Ich habe mir kleine Skizzen gemacht und die Winkel mit dem Geodreieck nachgezeichnet, bis ich die 112,5 Grad blind im Schlaf konnte. Es klingt nerdig, aber als Softwareentwickler hilft es mir, die Regeln wie eine 'If-Then-Else'-Schleife zu betrachten:
IF (Licht == Rot && Licht == Grün) { Kurs = Kollision; Action = Ausweichen_nach_Steuerbord; }
Plötzlich war der Knoten geplatzt. In einer Probeprüfung erreichte ich zum ersten Mal einen Score von 90 Prozent. Die Lichterkombinationen für Fischer (Grün über Weiß für Trawler, Rot über Weiß für Fischer, die keine Trawler sind) fühlten sich nicht mehr wie Schikane an, sondern wie eine klare Sprache. Wer übrigens noch die passende Unterstützung für das Lernen unterwegs sucht, dem kann ich meinen Text über die beste SBF See App zum Lernen der Prüfungsfragen empfehlen, da habe ich ein paar Tools verglichen, die mir durch die dunklen Stunden geholfen haben.
Was ich diese Woche tatsächlich gelernt habe:
- Ein Segler unter Motor ist ein Maschinenfahrzeug und muss den schwarzen Kegel (Spitze nach unten) zeigen – und nachts eben die entsprechenden Lichter eines Motorboots.
- Die Reichweite der Lichter ist unterschiedlich, aber für die Theorie reicht es oft, die Sektoren und Farben zu kennen.
- Eselsbrücken sind gut, aber das Verständnis der Geometrie (die 225° des Topplichts) ist besser.
Was ich mir nochmal anschauen muss:
- Die Lichterführung für Schleppverbände über 200 Meter Länge – da kommen so viele Lichter zusammen, dass es wieder wie ein Grafikfehler aussieht.
- Die genauen Abstände, ab wann ein zweites Topplicht für Schiffe über 50 Meter Pflicht wird.
Ich bin zwar noch weit davon entfernt, ein erfahrener Skipper zu sein, und wahrscheinlich würde mich mein Schwager immer noch auslachen, wenn ich versuche, eine Spring zu legen. Aber das Gefühl, nachts aufs Meer (oder zumindest auf die App) zu schauen und zu wissen, wer da was macht, ist großartig. Es ist ein bisschen wie das erste Mal, wenn ein selbst geschriebenes Programm ohne Fehlermeldung durchläuft.
Ein wichtiger Hinweis für alle Mitstreiter: Ich bin kein Segellehrer und habe keine offizielle nautische Ausbildung. Das hier sind meine persönlichen Notizen eines Anfängers für Anfänger. Bevor ihr euch auf das Wasser begebt, solltet ihr unbedingt mit Profis sprechen oder eine Segelschule besuchen. Die Regeln der KVR und der SeeSchStrO sind komplex, und im Zweifel gilt immer: Sicherheit geht vor. Wer gesundheitliche Bedenken hat, sollte zudem vorab das ärztliche Zeugnis für den Sportbootführerschein in Köln oder seiner Stadt erledigen, damit am Ende nicht der Sehtest der Lichterführung im Weg steht.
Bis zur nächsten Woche, wenn ich versuche, die Navigationsaufgaben zu lösen, ohne mein Kursdreieck zu zerbrechen.