
Eines Abends nach der Arbeit sitze ich am Schreibtisch in Köln, starre auf meine Kaffeetasse und versuche krampfhaft zu verinnerlichen, dass 'links' jetzt 'Backbord' heißt, während draußen der Regen gegen die Scheibe peitscht. Als Softwareentwickler bin ich logische Systeme gewohnt, aber die Seemannssprache wirkte anfangs wie ein elitärer Geheimbund, den mein Schwager auf der Ostsee völlig natürlich beherrschte. Ich bin ja kein offizieller Segellehrer oder Nautik-Professor, sondern nur ein Typ, der versucht, nach Feierabend nicht im Vokabel-Dschungel zu versinken.
KW 12: Theorie-Lektion 4 – Wenn die Syntax nicht mehr stimmt
Es ist Mitte März, etwa zwei Wochen nachdem ich mich für den Online-SBF-Kurs angemeldet habe. Ich sitze vor meinem Monitor und fühle mich wie ein Junior-Entwickler am ersten Tag. Mein Gehirn weigert sich kurzzeitig, diese neue Syntax ohne Fehlermeldung zu akzeptieren. Warum heißt es eigentlich 'Schipper' und nicht einfach 'Fahrer'? Es fühlt sich an, als müsste ich mein gesamtes Koordinatensystem neu kalibrieren. In der Softwarewelt ist 'links' immer 'links', egal ob ich vor oder hinter dem Server stehe. Auf dem Wasser ändert sich alles.
Das größte Problem für mich als Anfänger ist die Richtungsangabe. Wenn man auf einem Boot steht, das schaukelt, und jemand ruft 'Guck mal nach links!', weiß keiner, ob er sein Links oder mein Links meint. Genau deshalb gibt es Backbord und Steuerbord. Es sind feste Bezeichnungen bezogen auf die Längsachse des Schiffes, Blickrichtung Bug (vorne). Das klingt logisch, aber in der Hitze des Gefechts – oder wenn man müde nach acht Stunden Coden vor dem Online-Kurs sitzt – verschwimmt das alles zu einem grauen Brei.
Die Sache mit den Post-its: Backbord und Steuerbord
Nach den ersten zwei Lernmodulen wurde mir klar: Ich brauche Hardware-Support. Das klebrige Gefühl des gelben Post-its am Monitorrand, auf dem 'Backbord = Links = Rot' steht, rettet mir seitdem regelmäßig den Hintern, damit ich es beim Online-Kurs nicht vergesse. Es ist mein persönliches Cheat-Sheet. Warum Rot? Weil Backbord international mit der Farbe Rot und Steuerbord mit Grün gekennzeichnet wird. Das ist keine Willkür, sondern überlebenswichtig, wenn man nachts andere Lichter auf dem Wasser sieht.
Ich habe mir eine Eselsbrücke gebaut: 'Steuerbord' hat ein 'r' wie 'rechts'. Und Backbord? Nun ja, wenn man eine Backpfeife bekommt, wird die Wange rot (links). Okay, die Logik hinkt ein bisschen, aber sie funktioniert in meinem Kopf. Wenn ich jetzt in der Theorieprüfung über den insgesamt 285 Fragen umfassenden Katalog des SBF See brüte, hilft mir dieses visuelle Ankerzentrum an meinem Monitor enorm. Ohne diese kleinen Hilfen würde ich wahrscheinlich heute noch 'das grüne Ding da rechts' sagen.
Luv und Lee: Woher weht der Wind?
Ende Mai kam dann die nächste Hürde: Luv und Lee. Als ich das erste Mal davon hörte, dachte ich an ein chinesisches Philosophen-Duo. Aber weit gefehlt. Es geht schlicht um den Wind. Luv ist die dem Wind zugewandte Seite, Lee die dem Wind abgewandte Seite. Das klingt erst mal einfach, bis man die ersten Manöver im Kopf durchspielt. 'Spuckst du nach Luv, kommt’s wieder druv' – ein Klassiker, den mir mein Schwager eingeprügelt hat.
In der Theorieprüfung wird das Ganze dann noch mit Vorfahrtsregeln kombiniert. 'Lee vor Luv' ist so ein Satz, den man auswendig lernt, ohne ihn am Anfang wirklich zu fühlen. Es ist wie eine If-Else-Bedingung in Java, nur dass die Variablen hier Windrichtung und Segelstellung sind. Wenn man sich erst mal klargemacht hat, dass das Boot in Lee weniger Manövrierspielraum hat (weil es 'unter' dem Wind des anderen liegt), ergibt die Regel plötzlich Sinn. Es ist alles eine Frage der Logik, auch wenn die Begriffe erst mal wie Kauderwelsch klingen.
Mathematik auf dem Meer: Seemeilen und Knoten
Als Softwareentwickler mag ich Zahlen, aber nautische Zahlen sind... speziell. Nehmen wir die Seemeile. Sie ist nicht einfach 1,5 oder 2 Kilometer lang. Nein, die internationale Standard-Seemeile misst exakt 1852 Meter. Warum? Weil sie einer Bogenminute auf einem Großkreis der Erde entspricht. Das ist eigentlich ziemlich elegant, wenn man darüber nachdenkt. Es verbindet Geometrie direkt mit der Navigation.
Und dann ist da noch der 'Knoten'. Ein Knoten als Geschwindigkeitsmaß entspricht einer Seemeile pro Stunde. Wenn ich also mit 10 Knoten über die Ostsee jage (oder in meinem Fall: davon träume), lege ich 10 Seemeilen in einer Stunde zurück. Die Einteilung der Kompassrose in 360 Grad ist da schon vertrauter, aber die Navigation auf der Karte mit Kursdreieck und Zirkel fühlt sich an wie Mathe-Unterricht in der 7. Klasse – nur mit dem Risiko, dass man bei einem Rechenfehler nicht eine 5 bekommt, sondern auf einer Sandbank landet. Wer sich für die harten Fakten der Prüfungsvorbereitung interessiert, sollte auch mal einen Blick auf die Wetterkunde für Sportbootführerschein Anfänger werfen, denn da kommen diese Begriffe erst richtig zum Einsatz.
Tag 30: Knoten am Küchentisch und die Gefahr der Über-Nautik
Mittlerweile bin ich etwa einen Monat dabei. Meine Knotenübungen sehen oft noch aus wie ein verfilztes Kopfhörerkabel, das man zu lange in der Hosentasche hatte. Aber ich lerne dazu. Was ich jedoch auch gelernt habe: Man sollte es mit der Seemannssprache nicht übertreiben. Es gibt einen Punkt, an dem Anfänger anfangen, jedes Wort durch einen nautischen Fachbegriff zu ersetzen, nur um professionell zu wirken. 'Könntest du mir mal die Butter über die Backbord-Reling der Küchentheke reichen?' – Nein, einfach nein.
Mein Schwager gab mir einen wertvollen Rat: Lerne nicht alle Fachbegriffe auswendig, nur um sie zu benutzen. Die übermäßige Nutzung von Seemannssprache bei Anfängern wirkt auf erfahrene Crews oft unsicher und erzwungen statt professionell. Es ist wie ein Junior-Dev, der mit Design Patterns um sich wirft, aber keine einfache Schleife schreiben kann. Die Begriffe sind Werkzeuge, um Missverständnisse zu vermeiden, kein Kostüm, das man sich anzieht. In brenzligen Situationen ist ein klares 'Stopp!' oft besser als ein falsch gebrülltes Kommando, das keiner versteht. Wenn es dann später an die Details geht, zum Beispiel wie man Schallsignale auf See lernen kann, wird die Fachsprache sowieso von ganz alleine präziser.
Was diese Woche tatsächlich gelernt wurde
- Backbord ist links und rot, Steuerbord ist rechts und grün.
- Luv ist 'da wo der Wind herkommt', Lee ist 'da wo er hingeht'.
- Eine Seemeile ist mit 1852 Metern länger, als man denkt, wenn man sie schwimmen müsste.
- Der SBF See Fragenkatalog ist mit 285 Fragen ein ordentlicher Brocken für den Feierabend.
Was ich nochmal anschauen muss
Ich verwechsle immer noch gelegentlich 'kurzzeitig' und 'langzeitig' bei den Lichtsignalen. Das ist wie ein Bug, den ich einfach nicht reproduzieren kann, der aber immer in der Simulation auftaucht. Da muss ich wohl noch mal ran. Auch die Einteilung der 360 Grad auf der Karte erfordert mehr Konzentration, als ich nach einem Tag voller Meetings manchmal aufbringen kann. Aber hey, mühsam ernährt sich das Eichhörnchen – oder in diesem Fall: der Schreibtisch-Schipper aus Köln. Wenn ihr euch bei komplizierten Themen unsicher seid, fragt lieber mal einen echten Profi in der Segelschule oder beim Wassersportverband nach, bevor ihr euch falsche Dinge einprägt.
Nächste Woche stehen die ersten richtigen Navigationsaufgaben an. Ich habe mir schon mal einen Zirkel besorgt, der professioneller aussieht als meine gesamten bisherigen Segelkenntnisse. Mal sehen, ob ich damit mehr anfangen kann als nur Kreise auf mein Mousepad zu kratzen.